Unter dem Umland des Delitzscher Ortsteils Storkwitz, rund 20 Kilometer nördlich von Leipzig, befindet sich Deutschlands einziges Seltene-Erden-Vorkommen. Die bereits seit DDR-Zeiten bekannte Lagerstätte galt bislang als nicht wirtschaftlich förderbar. Nun unternimmt Hades Mining einen neuen Anlauf. Das Unternehmen aus München hat vom Sächsischen Oberbergamt das exklusive Recht erhalten, das Vorkommen weiter zu untersuchen. 

Dr. Stefan Steinicke, Head of Strategic Communications & Government Affairs bei Hades Mining, hat Rohstoff.net Fragen zur Größe und Zusammensetzung der Lagerstätte, zum geplanten Gewinnungsverfahren, zu möglichen Umweltrisiken und zu den weiteren Schritten des Vorhabens beantwortet. 

 

Ihre Pressemitteilung nennt die historische DDR-Schätzung von 38.000 Tonnen Seltenerdoxiden. Wie verhält sich diese Menge zu der 2013 veröffentlichten JORC-Schätzung – einer Ressourcenschätzung nach einem international anerkannten Standard für die Berichterstattung über mineralische Rohstoffvorkommen –von 4,4 Millionen Tonnen Erz mit durchschnittlich 0,45 Prozent Seltenerdoxiden bzw. rund 20.100 Tonnen enthaltenen Seltenen Erden? Welche Zahl gibt den heutigen Kenntnisstand am besten wieder? Soll die erwähnte neue Ressourcenschätzung erstellt werden, weil es aktualisierte Erkenntnisse gibt?

Die beiden Zahlen beschreiben keine widersprüchlichen Einschätzungen, sondern unterschiedliche Ausschnitte derselben Lagerstätte. Die Berechnung zu DDR-Zeiten erfasste den Bereich bis rund 900 Meter Tiefe und kam auf rund 7,9 Millionen Tonnen Erz bei durchschnittlich 0,48 Prozent Seltenerdoxiden. Daraus ergeben sich die rund 38.000 Tonnen. Die JORC-Studie von 2013, erstellt im Auftrag der damaligen Seltenerden Storkwitz AG, beschränkte sich bewusst und methodisch konservativ auf den bis dahin tatsächlich verbohrten Bereich bis rund 600 Meter Tiefe. Sie bestätigte die geologische Kontinuität und die Gehaltsangaben der historischen Daten für diesen Teilbereich, kam aber naturgemäß auf eine geringere Gesamtmenge: 4,4 Millionen Tonnen Erz bzw. rund 20.100 Tonnen enthaltene Seltene Erden.

Der heute nach anerkanntem Berichtsstandard belastbarste Wert ist damit die JORC-Zahl von 20.100 Tonnen für den geprüften Teilbereich. Die historische Schätzung von 38.000 Tonnen bleibt als geologischer Anhaltspunkt für das Gesamtpotenzial der Lagerstätte bis in größere Teufen relevant. Im Rahmen der kommenden Exploration soll eine aktualisierte, standardkonforme Ressourcenschätzung erarbeitet werden, die die vollständige historische Bohrdatenbasis mit neuen Untersuchungen zusammenführt. Das damalige Management der Seltenerden Storkwitz AG ging bei einer Erweiterung auf 1.200 Meter Tiefe von einer Verdopplung auf rund 80.000 Tonnen aus. Dies ist ein Anhaltspunkt, den unsere eigene Exploration überprüfen wird.

Frühere Projektentwickler haben Storkwitz wegen der niedrigen Gehalte Seltener Erden im Gestein und der aufwendigen Aufbereitung als unwirtschaftlich eingeschätzt. Was hat sich aus Sicht von Hades seitdem entscheidend verändert?

Unserem Verständnis nach sind frühere Entwickler nicht an der Geologie gescheitert — die Gehalte waren stets bekannt und liegen im für Karbonatit-Lagerstätten typischen Bereich —, sondern an den Kosten der Erschließung und Aufbereitung: konventioneller Schacht- bzw. Bohraufwand, eine vollständige Aufbereitungsanlage vor Ort und die damit verbundene Tailings-Bewirtschaftung. Genau an diesen beiden Kostenblöcken setzt unser Ansatz an.

Cerberus, unser lasergestütztes Bohrsystem, reduziert die Kosten des Zugangs zur Lagerstätte deutlich gegenüber konventionellen Bohr- und Schachtverfahren. In Kombination mit In-situ-Recovery entfiele zudem die Notwendigkeit einer großflächigen Tagesanlage samt Tailings-Deponie.

Hinzu kommt ein verändertes Marktumfeld: Die strategische Bedeutung Seltener Erden für Europa hat sich seit der Erstbewertung 2012/2013 — vor dem Hintergrund des EU Critical Raw Materials Act und der aktiven politischen Auseinandersetzung mit Lieferkettenabhängigkeiten von China — grundlegend verändert. Das ersetzt nicht die technologische Kostenlogik, verbessert aber die Rahmenbedingungen für Finanzierung und politische Unterstützung des Projekts.

 

Die strategische Bedeutung Seltener Erden für Europa hat sich seit der Erstbewertung 2012/2013 […] grundlegend verändert. Das ersetzt nicht die technologische Kostenlogik, verbessert aber die Rahmenbedingungen für Finanzierung und politische Unterstützung des Projekts.

Dr. Stefan Steinicke, Head of Strategic Communications & Government Affairs Hades Mining

 

Auf welcher Grundlage geht Hades davon aus, dass sich das Storkwitzer Vorkommen für In-situ-Recovery eignet? Liegen bereits Untersuchungs- oder Versuchsergebnisse mit Gestein aus Storkwitz vor bzw. in welchen Gesteinen wurde die Technologie bisher getestet?

Uns ist bewusst, dass In-situ-Recovery industriell bislang vor allem bei chinesischen Ionen-Adsorptions-Ton Lagerstätten etabliert ist — lockerem, verwittertem Regolithgestein, in dem Seltene Erden schwach an Tonmineraloberflächen gebunden sind und sich durch einfachen Ionenaustausch lösen lassen. Storkwitz ist geologisch ein anderer Fall: eine Karbonatit-/Hartgesteinslagerstätte in mehreren hundert Metern Tiefe mit strukturell in Mineralen gebundenen Seltenen Erden.

Unsere Arbeitshypothese ist deshalb ausdrücklich nicht, dass klassisches ISR unverändert auf Storkwitz übertragbar ist, sondern dass die Kombination aus Cerberus-Laserbohrungen — die im Hartgestein gezielt Permeabilität und Rissstrukturen schaffen können — mit einem darauf abgestimmten Laugungsverfahren einen neuen, für diesen Lagerstättentyp geeigneten Weg eröffnet. Das ist der eigentliche technologische Kern unseres Ansatzes.

In-situ-Verfahren sind dabei keine reine Nische der Seltenerd-Gewinnung: In der Uranproduktion ist In-situ Leaching mit rund 56 Prozent der Weltproduktion (vor allem Kasachstan, Usbekistan, USA) heute das dominierende Abbauverfahren überhaupt, und im Kupferbereich hat Excelsior Mining mit dem Gunnison Projekt in Arizona eine der ersten kommerziellen ISR-Anwendungen außerhalb von Uran und Ton-Lagerstätten realisiert. Entscheidend ist die geologische Voraussetzung, die beide Beispiele teilen: Sie funktionieren, weil das Wirtsgestein von Natur aus durchlässig bzw. zerklüftet ist — poröser Sandstein bei Uran, stark natürlich gebrochenes Oxid-Kupfererz bei Gunnison. Genau diese natürliche Durchlässigkeit fehlt kristallinem Hartgestein wie dem Storkwitz-Karbonatit. Die Kombination mit Cerberus ist deshalb für uns die Voraussetzung, um dieselbe, andernorts bewährte Verfahrensfamilie auf einen Lagerstättentyp zu übertragen, für den sie bislang nicht eingesetzt wurde. Bezüglich Storkwitz befinden uns in der Pilot- und Testphase. Wir werden Ergebnisse mitteilen, sobald sie vorliegen.

Hades IPL Cerberus
3D-Visualisierung des Hades IPL Cerberus-Laserbohrer. Quelle: Hades Resources GmbH

Der Industriestandard bei In-Situ-Laugung ist vor allem Ammoniumsulfat. Die geborgenen Seltenen Erden sollen das chinesische Monopol schwächen, allerdings ist auch bei Ammoniumsulfat die Volksrepublik der weltweite Marktführer. Wie wird Hades dieses Problem lösen?

Importe von Ammoniumsulfat als Standardlaugungsmittel aus China wäre eine zweite Abhängigkeit von chinesischer Marktdominanz und würde dem eigentlichen Ziel unseres Projekts widersprechen. Daher bevorzugen wir den Import von Ammoniumsulfat aus anderen Quellen. Die sich aus der Laserbohrtechnologie ergebenden Preissenkungen, so unsere Hypothese, können die sich aus alternativem Bezug ergebenden höheren Preise für Komponenten und Zwischenprodukte genug entlasten. Die Wahl des Laugungsmittels ist aber auch selbst Gegenstand unserer Verfahrensentwicklung und keine gesetzte Größe. Entsprechend werden auch alternative Reagenzien geprüft.

Was wäre der Plan, wenn die Technologie sich als ungeeignet für die örtlichen Gegebenheiten erweist? Ist eine konventionelle Förderung in diesem Fall angedacht?

Cerberus in Kombination mit In-situ-Recovery ist unser favorisierter Entwicklungspfad, weil er das Umwelt-und Kostenprofil bietet, auf dem unser Geschäftsmodell aufbaut. Eine  Machbarkeitsstudie mit klar definierten technischen und wirtschaftlichen Entscheidungskriterien wird zeigen, ob sich dieser Ansatz an Storkwitz umsetzen lässt.

Sollte sich In-situ-Recovery an dieser Lagerstätte als nicht tragfähig erweisen, würden wir alternative Fördermethoden — einschließlich konventioneller Verfahren — anhand von Geologie, Wirtschaftlichkeit und Genehmigungsfähigkeit neu bewerten. Das ist ausdrücklich nicht unser aktueller Plan, sondern übliches Risikomanagement für ein Vorhaben in dieser frühen Phase.

Unserem Verständnis nach sind frühere Entwickler nicht an der Geologie gescheitert […] sondern an den Kosten der Erschließung und Aufbereitung

Dr. Stefan Steinicke, Head of Strategic Communications & Government Affairs Hades Mining

Welche Maßnahmen sind geplant, um das umliegende Grundwasser vor den dabei eingesetzten Flüssigkeiten zu schützen?

Vorhaben dieser Art unterliegen in Deutschland dem Bundesberggesetz und dem Wasserhaushaltsgesetz, einschließlich einer verpflichtenden Umweltverträglichkeitsprüfung. Das detaillierte Schutzkonzept wird im Rahmen des Genehmigungsverfahrens gemeinsam mit den zuständigen Behörden erarbeitet und liegt in seiner endgültigen Ausgestaltung noch nicht vor.

Von den in Storkwitz vermuteten Seltenen Erden entfallen nach Ihren Angaben rund 38 Prozent auf Cer, zusammen 14 Prozent auf Neodym und Praseodym sowie 5 Prozent auf Yttrium. Wie belastbar ist diese Verteilung bislang? Was schätzen Sie, welchen konkreten Beitrag Storkwitz zur deutschen oder europäischen Versorgung mit diesen Rohstoffen leisten könnte?

Die genannte Verteilung stammt aus historischen Aufschluss- und Mineralogiedaten und ist typisch für karbonatit-/bastnäsitartige Lagerstätten mit einem Übergewicht leichter Seltener Erden. Sie ist ein sinnvoller Anhaltspunkt, wird aber im Zuge der laufenden Exploration und der geplanten aktualisierten Ressourcenschätzung mineralogisch weiter validiert und gegebenenfalls präzisiert.

Zum konkreten Versorgungsbeitrag möchten wir keine Tonnage-Prognose nennen, solange keine aktualisierte, standardkonforme Ressourcenschätzung vorliegt. Das wäre unseriös. Grundsätzlich lässt sich aber sagen: Storkwitz wäre insbesondere für die magnetrelevanten Elemente Neodym und Praseodym ein relevanter, aber kein alleiniger Baustein einer europäischen Versorgung. Unsere Mission zielt auf ein Portfolio an Projekten und Technologien zur Stärkung europäischer Rohstoffsouveränität, nicht auf eine Einzellösung durch ein Vorkommen.

Wo könnte die weitere Aufbereitung des geförderten Materials stattfinden?

Der Standort für die weitere Aufbereitung ist noch nicht final festgelegt und wird unter anderem im Rahmen unserer laufenden Gespräche mit verschiedenen Stakeholder/innen geprüft.

 

 

Wir danken Dr. Stefan Steinicke für die ausführliche Beantwortung unserer Fragen und die Einblicke in den aktuellen Stand des Vorhabens. 

 

 

Beitragsbild: via Canva, Montage Rohstoff.net